Elvo Dirvall

Elvo Dirvall - Geschichten eines Bekloppten
 

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Episode 1

Elvo Dirval. Eigentlich ein Name wie man ihn nicht allzu oft hört. Darum war es eigentlich umso verwunderlicher, dass Elvo von allen vergessen wurde. Es war eine Art Fluch. Selbst seine Mutter hatte ihn in seiner Kindheit so oft vergessen, dass er irgendwann aufgehört hatte zu zählen. So war es sein ganzes Leben über geblieben. Trotz des seltsamen Namens.

Auch heute war es wieder passiert. Der Verkäufer, der nun vor Wut schnaubend vor ihm stand hatte ihn vergessen. Dabei war es doch noch nicht mal zwanzig Minuten her, dass er die Hose gekauft hatte. Dennoch behauptete der Verkäufer seit einer geschlagenen Viertelstunde, dass er die Hose gestohlen hätte. Es wäre wohl klüger gewesen, sich einen Bon geben zu lassen. Nun war es soweit, ihm platzte der Kragen. Plötzlich bekam er höllische Kopfschmerzen. Sein Schädel schien sich von innen nach außen umzustülpen. So abrupt wie sie gekommen waren, endeten die Kopfschmerzen und er hörte die Stimmen klar und deutlich. Zum ersten Mal seit fünf Jahren vernahm er wieder die Stimmen in seinem Kopf und sie schrien lauter denn je. „Renn so schnell du kannst!“ schrien sie im Chor. Wäre er nicht so müde und gestresst gewesen, hätte er sich höchstwahrscheinlich gegen sie gewehrt. Aber er war nach einer viertelstündigen Diskussion (bei der er sein gesamtes rednerisches Geschick aufbringen musste, damit der Verkäufer nicht die Polizei rief) einfach zu genervt um weiter nachzudenken. Auf die Hilfe von Zeugen brauchte er nicht zu hoffen. Sie hatten ihn sowieso noch nie in ihrem Leben gesehen. Obwohl sie direkt hinter ihm gestanden hatten, als er bezahlt hatte. Also bewegten sich seine Beine wie von selbst. Er drehte sich mit einer so abrupten Bewegung um, dass er dachte, dass er sich mehrere Halswirbel ausrenken würde, wenn er aufhören würde, sich zu drehen. Bevor der Kassierer auch nur einen verdutzten Gesichtsausdruck aufsetzten konnte, war er schon in der nächsten Gasse verschwunden. Er stürmte auf einen Müllcontainer zu, sprang in ihn hinein und hätte sich beinahe eines seiner Beine an dem herunter fallenden Deckel abgeklemmt.

Im nächsten Augenblick trabte auch schon der hühnenhafte Verkäufer an seinem ganz privaten Schutzcontainer vorbei und schnaubte wilde Flüche in den kalten Nachmittag hinaus.

Fünf Minuten später verließ Elvo seinen kleinen Panic-Room und flüchtete in die Richtung aus der er gekommen war. Er war sich sicher, dass niemand ihn erkennen würde, denn man hatte ihn, wie immer, garantiert schon vergessen. Er schlenderte in aller Seelenruhe an dem Laden vorbei. Für diesen genialen Coup erntete er tosenden Beifall von den Stimmen in seinem Kopf. Er hätte die Pillen doch nicht absetzen sollen. Das hatte er nun davon. Trotzdem war es, wie er fand, nun an der Zeit endlich nach hause zu stiefeln. Er würde das schon in den Griff bekommen. Er würde sich in die Müllkippe von einer Wohnung, die er Heim nannte, begeben und sich mit seinen Gedanken allein lassen. Arbeiten brauchte er ja ohnehin nicht mehr. Nie wieder. Elvo bekam genug Geld von der Pharmaindustrie. Es war zwar nicht übermäßig viel aber es reichte locker aus. Die hatten ihm das ja nicht umsonst angetan. Nein, nie wieder würde er so dumm sein. Niemals. Auch wenn er auf ihre Produkte angewiesen war. Verdammte Ironie des Schicksals. Wieder etwas worauf er hätte verzichten können. Während er seinen Gedanken nachging verlor er die Kontrolle über seine Beine . Sie wurden nun von den Nervensägen in seinem Schädel kontrolliert. Als er aus seinem Trance ähnlichen Zustand erwachte war er nicht mal mehr in der Nähe seiner Wohnung. Elvo musste Stundenlang mit einem leicht dämlichen, verträumten Gesichtsausdruck durch die Stadt gewandelt sein. Es war nun schon lange Dunkel, die Laternen tauchten die Umgebung in schmutziges, gelbes glühen. Es war auch fast niemand mehr auf der Straße zu sehen. Aber sich nachts, alleine in einem völlig fremden Viertel am anderen Ende der Stadt vorzufinden war nichts, was Elvo Angst machte. Es kam häufiger vor, Elvo war sozusagen daran gewöhnt. Also machte er sich gut gelaunt auf den Weg. Da gab es nur noch eins zu klären. Wohin? Aber davon ließ er sich auch nicht entmutigen. Er ging einfach auf einen Ort zu an dem er sich ein wenig Freude erhoffte. Elvo folgte den Schildern. Sie sollten ihn zu einem Weihnachtsmarkt führen. Es offenbarte sich nur ein Problem. Der Weihnachtsmarkt existierte noch nicht. Er war noch nicht aufgebaut. Doch ein verführerisches Glitzern lockte ihn. Er taumelte wie ein hypnotisiertes Baby darauf zu und erhoffte sich wenigstens ein wenig Freude davon.

3 Kommentare 20.3.09 19:37, kommentieren

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